THE FUZZY BOUNDARY: SCIENCE AND ART Return to Interviews

Enrique Martínez Celaya im Gespräch mit Roald Hoffmann

Enrique Martínez Celaya: Sprechen wir über den Stellenwert der Ästhetik in der Wissenschaft. Spielt der Begriff der Schönheit in der Wissenschaft überhaupt eine Rolle?

RH: Der Schönheitsbegriff ist für die Wissenschaft von großer Bedeutung, auch wenn er in unserem Handwerkszeug, der wissenschaftlichen Abhandlung, offiziell nichts zu suchen hat. Das Problem ist, dass viele, insbesondere reduktionistisch denkende Physiker Schönheit mit Einfachheit verwechseln. Sie sagen: Diese Gleichung muss richtig sein, weil sie schön, also einfach ist. Doch die Welt ist wunderbar komplex, und unsere Aufgabe ist es, in diesem Durcheinander Schönheit zu entdecken.

EMC: Angesichts dieser Komplexität ist die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt durchaus verständlich – einer Welt, in der alle Probleme mit einfachen, vertrauten Mitteln gelöst werden können; in der sich alles, was anders aussieht, auf etwas Bekanntes reduzieren lässt. Vielleicht gibt es überhaupt nur zwei philosophische Ansätze – die Suche nach Gleichheit bei Dingen, die verschieden aussehen, und die Suche nach Verschiedenheit bei Dingen, die gleich erscheinen.

RH: Das ist eine der großen Dualitäten, vielleicht die wichtigste überhaupt. Die Frage der Identität treibt die Chemie an, ohne dass sie darum weiß. Deshalb habe ich eines meiner Bücher auch The Same and Not the Same genannt.
Als ich jünger war, interessierte ich mich vor allem für die Gleichheit der Dinge – ich wollte die Gesamtheit der Moleküle mit einer einzigen Theorie erklären. Mit der Zeit jedoch verstand ich, wie wichtig Verschiedenheit ist.

EMC: Halten Sie die Beseitigung alles Geheimnisvollen für eine Grundbedingung der Wissenschaft?

RH: Ja. Wissenschaft ist ein Prozess der Entmystifizierung – nicht jedoch der Entweihung. Man entdeckt neue, wundervolle, bedeutende Dinge.

EMC: Dinge, die unsere Beziehung zur Welt bereichern.

RH: Genau. Wer etwas über die Aerodynamik der Flügel eines Falken weiß, wird seinen Gleitflug umso mehr bewundern. Die Wissenschaft stützt sich oft auf Versuche, die in ein bestehendes System eingreifen – um herauszufinden wie etwas funktioniert, isoliert man dieses Molekül, stört jenes System. Dieses Eingreifen ist manchmal problematisch.

EMC: Wann genau wird es problematisch?

RH: Wenn es offenkundig invasiv wird, wie etwa bei der Sektion [ich habe ja gesagt, an mir ist ein Arzt verloren gegangen …], auch wenn das oft die einzige Möglichkeit ist, mehr über die Gesamtzusammenhänge zu erfahren. Mag sein, dass eine intrusive Wissenschaft auch einen allzu mechanistischen Blick auf die Welt fördert.

EMC: Ein „guter“ Wissenschafter sollte also bei der Betrachtung eines Details das Gesamtbild im Auge behalten. Aber schlägt die Wissenschaft trotz all ihrer Fehler nicht auch eine Brücke zwischen Natur und Geist?

RH: Eine sehr natürliche Brücke, ja. Sie erklärt uns die Vorgänge in der Natur. Aber brauchen wir die Wissenschaft, um über einen Sonnenuntergang oder die Pflege unseres Olivenbaums nachzudenken?

EMC: Haben Sie als Dichter einen anderen Zugang zur Welt?

RH: Manchmal ja. Ich beziehe die Natur in ihrer holistischen Gesamtheit in meine Arbeit ein. Über die Wissenschaft kann ich Gefühle wie Liebe und Trauer, Verlust und Bereicherung nicht ausdrücken. Die Poesie ist mit der Wissenschaft durchaus verwandt, auch sie kann beobachten. Eines hat sie der Wissenschaft jedoch voraus – die Reflexion.

EMC: Ich sehne mich oft danach, ganzheitliche Betrachtungen anzustellen, muss mich bei meiner Arbeit jedoch meist mit Erfahrungsfragmenten begnügen.

RH: Ganz der Wissenschaftler!

EMC: Ein Wissenschaftler, der sich nicht wohl fühlt in seiner Haut … Denn allein die Kunst ist imstande, das Ganze und das Fragment oder Detail miteinander zu versöhnen, davon bin ich überzeugt. Und in dieser Einheit finde ich Anklänge von dem, was andere als Spiritualität bezeichnen – wie auch in Celans Gedichten. Hat die Chemie auch eine spirituelle Seite?

RH: Natürlich, da gibt es wunderschöne Moleküle, komplizierte Funktionen, die Pracht der Vielfalt – Substitutionen. Die Art, wie eine Synthese das Ziel erreicht, die intuitiven Sprünge in einer Strukturbestimmung. Die Logik von Katalysatoren und Zwischenprodukten. Einfach das Wissen darum, wie die Dinge funktionieren.

Sie haben mich nach dem Spirituellen in der Wissenschaft gefragt, Enrique. Lassen Sie mich die Frage umkehren: Wenn wir davon ausgehen, dass Kunst spirituell ist, wozu dient dann das Material?

EMC: Kunst ist nicht zwingend spirituell, vor allem nicht im gegenwärtigen Klima. Viele sehen in dem Ruf nach spirituellen Inhalten einen Ausdruck von Verwirrung oder Rückständigkeit. Solche Argumente rühren häufig von einem Misstrauen in die Möglichkeiten der Kunst verglichen mit anderen Disziplinen. Es scheint, als wünschten die Leute, die so argumentieren, dass die Kunst denselben Weg einschlägt wie die Wissenschaft, die Philosophie und die Unterhaltung, die ihre Aufgabe allesamt mit Bravour erfüllen. Ich glaube, diese Unsicherheit bringt uns nicht weiter. Meines Erachtens beginnt Kunst dort, wo die anderen Disziplinen an ihre Grenzen stoßen. Doch ab hier führt der Weg ins Ungewisse, wir werden mit Dingen konfrontiert, die sich jeglicher Erklärung entziehen. Mehr können wir darüber nicht sagen.
Ihre Frage zur Rolle des Materials in der Kunst ist interessant, sie hat viel mit dem zu tun, was ich gerade gesagt habe. Ich glaube, die Aufgabe des Materials liegt darin, den Künstler zu erden, der Kunst eine gewisse Bodenhaftung zu verleihen. Materiallose Kunst, etwa eine rein konzeptuelle Arbeit, kann den Künstler befreien, aber auch verwirren.

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EMC: Was gibt Ihnen die Poesie, das Sie in der Wissenschaft nicht finden?

RH: Die Antworten der Wissenschaft, so „schön“ sie auch sein mögen, sind in gewisser Weise eingeschränkt, weil die Fragen, die sie stellt, stets eine klare Lösung verlangen. Doch die Bedeutung des Lebens lässt sich damit nicht erklären, die Probleme, vor denen wir stehen, sind oft hochkomplex – es gibt dafür keine einfache Lösung, wir können uns immer nur für kurze Zeit annähern.
Erleben Sie etwas Ähnliches nicht auch in Ihrer Kunst?

EMC: Ich würde mich gern mit dem Wenigen, das ich weiß, zufrieden geben, doch es gelingt mir nicht. In mir brennt noch immer die Sehnsucht nach Lösungen, nach Antworten auf die fundamentalen Fragen, die Sie hier ansprechen. Meine Arbeit ist ein Versuch, Klarheit in mein Leben zu bringen. Für Kant ist die wesentliche Bedingung der Kunst die Uneigennützigkeit, für mich hingegen hat Kunst etwas mit innerer Notwendigkeit zu tun.

RH: Ich glaube, Kant und viele Vertreter der Theorie der Ästhetik irren, wenn sie bei der Beurteilung der Schönheit eines Objekts seine Unbefangenheit herausstellen und die Nützlichkeit verdammen. Ich glaube, Kunst entspringt dem tief empfundenen Interesse an einer Sache. Und Nützlichkeit vermag ebenfalls umzugestalten.

EMC: Ich stimme ihnen zu. Nützlichkeit kann beispielsweise bestimmen, was in einer Arbeit geschieht oder nicht geschieht, und dadurch das Äußere definieren. Das „Antlitz“ meiner Arbeiten wird mehr oder weniger von ethischen Kriterien bestimmt, die untrennbar mit meinen Überzeugungen verbunden sind. Für Sie ist die Form eher etwas Organisches, nicht wahr?

RH: Jedes Gedicht hat eine Form. Manchmal ist das, was ich zu sagen habe, prosaisch, oder es erweist sich als prosaisch. Um ihm mehr Nachdruck zu verleihen, drücke ich es in Versen aus. Jedes Gedicht scheint wie von selbst seine ihm eigene Form zu finden. So ähnlich stelle ich mir das auch in der bildenden Kunst vor.

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